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Projekttitel:
Lernentwicklungen von Kindern mit geringem mathematischem Vorwissen beim Erwerb des Zahlbegriffs in unterschiedlichen Settings zur mathematischen Frühförderung (Arbeitstitel)

Projektleiterin: Prof.'in Dr. E. Rathgeb-Schnierer (Betreuerin)

Antragstellerin: Dorothea Hertling (geb. Bussmann)

Antragsziel:
Validierung des zur Strukturierung der Daten entwickelten Kategoriensystems

Skizze:
1. Skizzierung und Einordnung des Forschungsvorhabens:
„Das Bewusstsein dafür, dass frühe mathematische Förderung notwendig und sinnvoll ist, um den Kindern gute Ausgangsbedingungen für das weitere Lernen zu ermöglichen, schärfte sich in den letzten Jahren immer mehr“ (Gasteiger, 2010, S. 65). Neben neueren entwicklungspsychologischen und lernpsychologischen Erkenntnissen konnten auch Ergebnisse aus der Hirn- sowie der Bildungsforschung Zusammenhänge zwischen den individuellen Vorkenntnissen und den schulischen Leistungen von Kindern aufzeigen. Zahlreiche Untersuchungen zu Zahlkenntnissen zeigen, dass ein Großteil der Schulanfänger bereits erstaunliche Vorkenntnisse über Zahlen und Mengen mitbringt. Es wird jedoch auch deutlich, dass sich bei einigen Kindern bereits im Vorschulalter defizitäre Entwicklungen bezüglich der mathematischen Kompetenzen zeigen, welche häufig während der Schulzeit erhalten bleiben. Das bedeutet, dass wichtige mathematische Vorläuferfähigkeiten bereits vor Schuleintritt entwickelt werden, was den großen Stellenwert früher mathematischer Bildung deutlich macht (Krajewski, 2003; Royar, 2007). Auf die empirisch nachgewiesene Bedeutung, welche frühen mathematischen Kompetenzen für das Mathematiklernen in der Schule zukommt, folgt die Forderung nach geeigneten Konzepten zur frühen mathematischen Förderung (z.B. Faust-Siehl, 2001; Hellmich, 2008; Heinze & Grüßing, 2009). Auf Grundlage dieser Forderung wurde sowohl national als auch international eine inzwischen fast unüberschaubare Fülle an Materialien und konzeptionellen Ideen entwickelt (Hellmich, 2008). Schuler (2013) fasst diese in folgenden drei Ansätzen zusammen: Lehrgänge oder (Förder-)Programme, von Gasteiger (2010) als Trainingsprogramme bezeichnet, punktuell einsetzbare Materialien (vgl. auch Kaufmann, 2010) und integrative Konzeptionen.
Hier setzt das vorliegende Dissertationsprojekt an: Es werden die Lernentwicklungen von Kindern untersucht, die im Vorschulalter gegenüber den anderen Kindern ihrer Kindergartengruppe über ein vergleichsweise geringes mathematisches Vorwissen verfügen. Die untersuchten Kinder besuchen Kindergärten, in welchen verschiedene Konzepte zur mathema-tischen Frühförderung eingesetzt werden. Hierbei steht folgende Frage im Mittelpunkt:
Welche Lernentwicklungen zeigen Kinder mit geringem mathematischem Vorwissen beim Erwerb des Zahlbegriffs in unterschiedlichen Settings zur mathematischen Frühförderung im letzten Kindergartenhalbjahr?

Aus dieser Hauptfragestellung gehen folgende Teilfragen hervor:

  • Wie lässt sich „geringes mathematisches Vorwissen“ bei Kindern bereits im vorschuli-schen Bereich diagnostizieren?
  • Wie können Lernentwicklungen von Kindern beim Erwerb des Zahlbegriffs im Vorschulalter sichtbar gemacht werden?
  • Welche Lernentwicklungen zeigen Kinder mit geringem mathematischem Vorwissen im Vorschulalter in Abhängigkeit von unterschiedlichen Settings zur mathematischen Frühförderung?
  • Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede zeigen sich in den Entwicklungen der Kinder in den unterschiedlichen Settings?

Stand der Forschung
Die große Bedeutung, welche dem Vorhandensein mathematischer Vorläuferfähigkeiten bereits im Vorschulalter für den Kompetenzerwerb im Grundschulunterricht zukommt, konnte auch Krajewski (2003) in einer Untersuchung herausarbeiten. Im Detail konnte sie belegen, dass Vorschulkinder mit ausgeprägtem mengen- und zahlenbezogenem Vorwissen bessere Mathematikleistungen im Laufe der Grundschulzeit zeigen als die anderen Kinder ihrer Klasse (Krajewski, 2003; Hellmich, 2007). „Eine Vermutung ist auf dieser Grundlage im Kontext eines Nachdenkens über Frühförderungsmaßnahmen im vorschulischen Bereich naheliegend: Kinder, die über Vorwissen in Mathematik aus der Vorschulzeit verfügen, werden – folgt man diesen Untersuchungsergebnissen – vermutlich `die Nase vorn haben´, wenn es im mathematischen Anfangsunterricht oder im fortschreitenden Grundschulunterricht um das Erlernen neuer Kompetenzausschnitte geht. In einem besonderen Maße wird sich dieser Effekt womöglich bei leistungsschwächeren Kindern bemerkbar machen“ (Hellmich, 2007, Kapitel 4.1). Aus diesem Grund werden im vorliegenden Promotionsvorhaben speziell „schwächere“ Vorschulkinder, d.h. Kinder mit geringem mathematischem Vorwissen in den Blick genommen.
Dies wirft die Frage auf, wie sicher potenziell „schwache Kinder“ im letzten Kindergartenhalbjahr identifiziert werden können. Dieser Frage ging Krajewski (2008) im Rahmen einer Längsschnittstudie unter dem Fokus der frühen Vorhersage von Mathematikleistungen in der Grundschule nach. Sie untersuchte in dieser Studie die mathematische Entwicklung von Kindern über die Zeit vom letzten Kindergartenhalbjahr bis zum Ende des zweiten Schuljahres. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Identifizierung von sogenannten potenziellen Risikokindern zu Beginn des letzten Kindergartenhalbjahres durch die Erfassung des mengen- und zahlenbezogenen Vorwissens der Kinder mit großer Wahrscheinlichkeit erfolgreich ist (Krajewski, 2008).

Peter-Koop, Grüßing und Schmitman gen. Pothmann (2008) untersuchten in einer Längsschnittstudie zu den Effekten vorschulischer Fördermaßnahmen bei Risikokindern, „inwieweit es möglich ist, potenzielle Risikokinder in Bezug auf das schulische Mathematiklernen im Jahr vor ihrer Einschulung im Kindergarten flächendeckend zu identifizieren und bereits im Kindergarten entsprechen [effektiv und nachhaltig] zu fördern“ (Peter-Koop u.a., 2008, S. 209).
Die Ergebnisse zeigen, „dass eine Förderung im Alltag des Kindergartens in der jeweiligen Kindergartengruppe durch eine entsprechend aus- bzw. weitergebildete Erzieherin offenbar genauso effektiv ist wie eine spezielle Einzelförderung von auswärtigen ‚Experten‘, die speziell zu diesem Zweck einmal wöchentlich für eine Stunde in die Einrichtung kommen“ (Peter-Koop u.a., 2008, S. 220). Aktuelle Ansätze elementarer mathematischer Bildung greifen diese Möglichkeit, arithmetische Vorkenntnisse bereits im Kindergartenalter erfolgreich zu erkennen und zu fördern, auf. Sie betonen, „dass frühe Diagnose dazu dient, Unterstützungsbedarf zu erkennen, um etwaige Defizite auszugleichen und Schwierigkeiten beim Erlernen von Mathematik gar nicht erst entstehen zu lassen“ (Gasteiger, 2010, S. 107). Durch eine geeignete Förderung vor der Schule können somit wesentliche „Schwierigkeiten, die sich heute im Anfangsunterricht der Grundschule stellen, […] vermieden oder wenigstens abgemildert werden“ (Wittmann, 2004, S. 52).
Diese Erkenntnisse ziehen die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen einer Förderung der arithmetischen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten von Kindern im Vorschulbereich nach sich. Des Weiteren stellt sich daran anknüpfend die Frage nach der Wirksamkeit der vorliegenden Möglichkeiten zur mathematischen Frühförderung (Hellmich, 2007). Insbesondere zur Förderung von Kindern mit Schwie-rigkeiten beim Mathematiklernen „braucht es evaluierte Konzepte und Materialien, die den [Erzieherinnen und] Lehrpersonen spezifische Hinweise geben, welche Lerninhalte besonders wichtig sind, auf welche Kompetenzen besonders geachtet werden muss, wie deren Erwerb angeregt werden kann oder was besonders geeignete Aufgaben oder Vorgehensweisen sind“ (Moser Opitz, 2010, S. 15). Auch wenn, wie oben bereits beschrieben, in den letzten Jahren eine Vielzahl an konzeptionellen Ideen und Materialien zur frühen mathematischen Bildung entwickelt wurde, sind im deutschsprachigen Bereich „erst wenige evaluierte, spezifische Förderprogramme verfügbar“ (Krajewski, Nieding & Schneider, 2008, S. 137).
Die Wirksamkeit vieler Förderkonzepte – insbesondere den Trainingsprogrammen „Komm mit ins Zahlenland“ (Friedrich & de Galgóczy, 2004; Preiß, 2004, 2005) und „Mengen, zählen, Zahlen“ (MzZ; Krajewski, Nieding & Schneider, 2007) – konnte dennoch bereits in ver-schiedenen Studien nachgewiesen werden (z.B. Friedrich & Munz, 2006; Gasteiger, 2013; Krajewski u.a., 2009; Rechsteiner, Hauser & Vogt, 2012; Rechsteiner & Hauser, 2012; Sinner, 2011).
Ebenso positive Effekte der frühen Förderung durch Würfelspiele (Gasteiger, 2013) oder allgemeiner gefasst, Regelspiele (Rechsteiner & Hauser, 2012). Mit Blick auf die potenziell schwächeren Kinder – oft auch Risikokinder genannt – bleibt jedoch noch offen, inwiefern diese von Trainingsprogrammen oder dem Einsatz von Spielen profitieren (Schuler, 2013).

Zusammenfassend zeigt dies, dass „noch massiver Forschungsbedarf zur Frage, welche Ziele bei welchen Kindern mit welchen Fördermaßnahmen erreichbar sind“ (Hassel-horn & Schneider, 2011, S. 6), besteht. Auch über Entwicklungsverläufe, welche mit den verschiedenen Konzepten initiiert werden können, ist bislang wenig bekannt. An dieser Stelle setzt das vorliegende Promotionsvorhaben an: Es wird nicht (nur) die Wirksamkeit der Förderkonzepte in den Blick genommen, vielmehr wird der Fokus auf die Entwicklungen der Kinder im Bereich des Zahlbegriffserwerbs gerichtet werden. Dabei werden speziell die Entwicklungen von Kindern mit geringem mathematischem Vorwissen untersucht, die durch den Einsatz unterschiedlicher Konzeptionen zur mathematischen Frühförderung im Vorschulalter angeregt werden.

Ziele und Arbeitsprogramm
Das Ziel des Projektes liegt darin, die Lernentwicklungen von Kindern mit geringem mathematischem Vorwissen in Verbindung mit bestimmten Konzepten zur mathematischen Frühförderung nachzuvollziehen, um Hypothesen über den Einsatz verschiedener Konzepte früher mathematischer Bildung in Bezug auf die Förderung schwächerer Kinder generieren zu können. Im Hinblick darauf halten wir eine empirisch-qualitative Studie, die sich über ein halbes Jahr erstreckt, für die adäquate Erkenntnismethode. In dieser Zeit werden die Lern-entwicklungen der Kinder beobachtet, indem mit den Kindern im Laufe ihres letzten Kindergartenhalbjahres in regelmäßigen Abständen halbstandardisierte Interviews durchgeführt werden. Dadurch erhoffen wir uns Antworten auf die eingangs genannten Forschungsfragen.

Projektleiterin

Prof. Dr. Elisabeth Rathgeb-Schnierer

Antragstellerin

Dorothea Hertling